Soliman der Helafant

Bericht Generalprobe - Mühldorfer Anzeiger

Ein Spiel um Faszination und Furcht

Das Mittelalter als Spiegel der Gegenwart: Mit der fantastischen Geschichte des Helafanten Soliman bringt der Mühldorfer Kulturschupp'n zum fünften Mal ein historisches Stück auf die Bühne im Haberkasten Innenhof. Ein Besuch der Generalprobe.

Es ist die eigenartige Mischung aus Faszination und Furcht, die Menschen angesichts des Fremden und des Unbekannten überfällt. Man fühlt sich angezogen und verängstigt, gewarnt und neugierig. Man möchte hingehen und es anschauen, anfassen, gleichzeitig es vermeiden, stört es doch die gewohnte Ruhe.

"Der Weg zwischen Wasserburg und Mühldorf macht Durst. Und erst die vielen Klosterschänken."

Der Helafant Soliman, das riesige, noch nie gesehene Tier, steht im neuen Stück des Kulturschupp'ns für diesen Zwiespalt. Regisseur Christopher Luber und Silvia Menzel haben die Geschichte geschrieben, zu der es nur wenige historische Quellen gibt. Es ist die Geschichte des Durchzugs von Maximiliian II., des Königs von Böhmen und späteren Kaisers und seiner schwangeren Frau Maria, die mit ihrem Tross 1552 tatsächlich mehrere Tage in Mühldorf verbracht haben. Dabei der Helafant Soliman, ein Elefant, der damals noch nach Helos, der Sonne, benannt war. Ein Sonnentier.

So aber erleben ihn die Mühldorfer nicht. Gerüchte bringt er mit vom Treiben der wilden Kerle aus fremden Ländern, die ihn begleiten. Von Exzessen und Auswüchsen, von Glück und Erlösung. Das fasziniert die Mühldorfer, das erschreckt sie. Das erregt sie, davor haben sie Angst.

Regisseur Luber schafft es vor allem im ersten Teil des Theaterabends ein pralles Sittenbild der Mitte des 16. Jahrhunderts zu zeichnen. Es gelingt ihm, die Verwerfungen und Umbrüche dieser Zeit ins kleine Mühldorf zu transportieren, wo die Menschen derb, gottesgläubig und bodenständisch dem Kommenden entgegen sehen.

Dass die Weltordnung des Mittelalters längst wankt, die ersten Konfessionskriege herausziehen, die Renaissance ihrem Höhepunkt zustrebt und mit dem Humanismus der Mensch stärker in den Blick kommt, zeigt die Gauklertruppe, die Luber auf einer zweiten Bühne auftreten lässt. Sie kommentiert das Geschehen, schmäht lautstark und unflätig König und Papst, hält der Obrigkeit den Spiegel vor, die aber schaut nicht hinein. Die Gaukler sind das Symbol des Wandels - und die braven Mühldorfer applaudieren ihnen genauso von Herzen wie dem König.

"Solang der Bräu ein Bier hat, ist das Weltenende fern."

Es ist eine brenzlige Situation, wie der Erzähler und Vertreter der salzburgischen Obrigkeit, zu Beginn des Stückes sagt. Eine Situation in der Intrige, Mordversuch und Lynchjustiz alles zu überschatten drohen - und am Ende doch die Liebe und das Vertrauen siegen. So verhindert Luber, dass sein Sommertheater zum düsteren Mittelalterstück wird.

Es ist erstaunlich, wie sich der Kulturschupp'n über all die Jahre entwickelt hat und wie es Luber und der Produktionsleitern Magdalena Eckmans gelungen ist, Jung und Alt zu binden und in verschiedenen Rollen zu profilieren. Beispiel dafür mag Johanna Sonnleitner sein, die jahrelang selbst auf der Bühne stand, heuer aber zusammen mit Bianca Schamper für die sehr schönen und aufwendigen Kostüme zuständig war.

"Den Inn runter ist noch nie etwas Gescheites gekommen."

Nach dem atmosphärisch dichten ersten Teil, verliert das Stück nach der Pause etwas an Dynamik. Luber will zu viel erzählen, er baut zu unterschiedliche Handlungsstränge ein. So ist er gezwungen, die Geschichte in manchen Szenen mit Erklärungen des Geschehenen voranzutreiben, statt sie dramatisch zu entwickeln. Gute inszenatorische Einfälle und beeindruckende schauspielerische Leistungen halten das Stück aber auch in diesen Phasen zusammen.

Da ist allen voran Rückkehrerin Sarah Wagner als Königsgattin Maria. Sie zeigt große Leidenschaft und Präsenz und bringt mit ihrem Spiel spanisches Temperament auf die Bühne im Haberkasten-Innenhof. Die junge Mühldorferin ist seit ihrer beeindruckenden Darstellung der Marie Pauer nicht stehen geblieben, sondern hat ihr Spiel entwickelt.

An ihrer Seite Thomas Enzinger, der als Maximilian endlich auch im Sommertheater eine Hauptrolle spielt und diese gewohnt souverän füllt. Sein Geschick, zwischen Schauspiel und Kabarett zu wechseln, zeigt der Kappenabendler in der Doppelrolle als Komödiant, in der er sich selbst, den König, karikiert.

"Liebe braucht ein großes Herz und eine dicke Haut."

Renata Kura überzeugt als spielfreudiges Heilweib Gundel. Es gelingt ihr, die ganze Zerissenheit ungewöhnlicher Frauen zwischen Angebeter und Verfemter auf die Bühne zu bringen, eine Rolle die damals wie heute ihren Sitz im Leben hat. Herrlich überziehend Dr. Hans Dworzak, der zusammen mit Oskar Stoiber ein intrigantes spanisches Ärzteduo gibt.

Madelaine Frick füllt die Rolle der schüchternen aber immer selbstbewusster werdenden Tochter des Tuchhändlers sehr gut aus. Sie ist es, die den Bann des Unbekannten zu überwinden sucht. Die Berühung Solimans verändert ihre Haltung gegenüber dem Fremden und führt in die ungewöhnliche Liebesgeschichte zu seinem Treiber Ganesha.

So ist es mehr als nur eine Randnotiz bei der Rückkehr in die Realität des Mühldorfs im Jahr 2015, dass Elefantentreiber Ganesha von Gul Safi gespielt wird. Einem jungen afghanischen Flüchtling, der seit drei Jahren in Mühldorf zu Hause ist